Einblicke in ein Karlsruher „Realexperiment“ – August 2021

Wissenschaft an der Werkbank – Einblicke in ein Karlsruher ‚Realexperiment‘

Das Schrauben und Verkabeln hat begonnen! Ende Juli erhielten 22 experimentierfreudige Teilnehmer:innen Solarstrommodule für ihren Balkon oder Garten. Die Initiator:innen dieses berichteten am 27. Juli 2021 im im Rahmen eines Online-Vortrags, wie es dazu kam und warum sie sich wissenschaftlich für Gärtner:innen und Photovoltaik interessieren.

Eine gute Nachricht gleich vorab: Wer beim Lesen dieses Blog-Beitrags den Eindruck gewinnen sollte, ein wichtiges Event verpasst zu haben oder noch mehr erfahren zu wollen, kann die virtuelle Veranstaltungsreihe „Beyond Technology: Perspektivenwende in der Energietransformation“ bald im Youtube-Kanal des ITAS-KAT nachhören und -sehen.

Die letzte Veranstaltung der Serie widmete sich am 27. Juli 2021 der Entstehungsgeschichte und den wissenschaftlichen Hintergründen von „Dein Balkonnetz – Energie schafft Gemeinschaft“, einer gemeinsamen Initiative eines transdisziplinär arbeitenden ITAS-Forscher:innen-Teams aus den Projekten Energietransformation im Dialog und Seeds for SEETs.

Das Team – transdisziplinär und experimentell

Als ‚transdisziplinär‘ gilt Forschung, wenn sie nicht nur interdisziplinär über die Grenzen einzelner Fachrichtungen hinausgeht, sondern auch die Gesellschaft in den wissenschaftlichen Prozess miteinbezieht. Entsprechend bringen die ITAS-Forscher:innen (s. Konferenz-Screenshot) unterschiedliche disziplinäre Perspektiven mit und vereinen sie sogar selbst in Person. Helena Trenks ist von Haus aus Landschaftsplanerin und im Projekt die Expertin für Wissenschaftskommunikation, Marius Albiez verändert als Geoökologe die Welt mit transformativer Nachhaltigkeitsforschung. Volker Stelzer, seit über 20 Jahren am KIT, ist Experte für nachhaltige Energieversorgung und forscht über mögliche Energie-Zukünfte. Paula Bögel setzt ihre wissenschaftlichen Kenntnisse in Organisationsmanagement, -kommunikation und Psychologie dafür ein, mit den Mitteln der Wissenschaft positive Energie für erneuerbare Energieprojekt zu mobilisieren. Anne Möller hat einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund und führt als ITAS-Praktikantin sozialwissenschaftliche Interviews mit Balkon-Netzwerker:innen.

Das Team verbindet der experimentelle Forschungsansatz und das transformative Ziel, Energiesysteme forschend in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern. Sogenannte Realexperimente eignen sich besonders für diese Problemstellungen. Denn systemische Transformationen lassen sich nicht allein technisch, physikalisch, ökologisch oder sozialwissenschaftlich untersuchen, verstehen und erreichen. Vielmehr sind sie so komplex und dynamisch, dass mögliche Lösungsansätze real ausprobiert, dabei beobachtet und notfalls nachjustiert werden müssen. Das gilt auch für die Energiewende. Denn hier reicht es nicht, wenn Photovoltaik-Module unter standardisierten Laborbedingungen funktionieren. Die entscheidende Frage ist vielmehr: wie kommen sie auf möglichst viele Dächer oder eben auf unsere Balkons? Hierfür müssen viele Stellschrauben gleichzeitig gedreht werden, am Markt, in der Politik, in Behörden und nicht zuletzt in unseren Köpfen. Die beteiligten Akteure sind, so Marius Albiez, so vielfältig, wie die Energiewende selbst. Die Spanne reicht dabei von Pionieren des Wandels, Mitarbeitenden der öffentlichen Verwaltung, Bürger:innen, über Wissenschaftler:innen des KIT, bis hin zu Energie-Expert:innen, zu denen bspw. unsere Praxispartner von der Karlsruher Energie- und Klimaagentur (KEK) gehören.

Unterschiedliche Gruppen erreichen und vernetzen

Eine zentrale Frage bei der Planung von Realexperimenten wie „Dein Balkonnetz“ ist daher: Wer wird in welcher Weise eingebunden? Hierzu hat das Projekt-Team Interviews mit Energiewende-Expert:innen durchgeführt, die bisherigen Erfahrungen im Reallabor aufgearbeitet und so unterschiedliche Felder identifiziert: Marius Albiez, führte aus, dass Mitwirkungsmöglichkeiten für Mietende weitgehend fehlen. „In der Regel muss man Eigentümer:in von Wohnraum sein, um mitmachen zu können.“ Das Solarmodul für den Balkon scheint geeignet, um neue Zielgruppen für die erneuerbare Sache zu begeistern.

Eine unterrepräsentierte Gruppe im Energiewende-Bereich sind Frauen. Das zeigt sich schon in der medialen Darstellung der Energiewende, so Helena Trenks. „Auf publizierten Fotos sieht man tendenziell eher Männer in mittlerem Alter vor technischen Anlagen.“ Dieses eindimensionale Bild will das Forscher:innen Team gleich mittransformieren und adressiert daher explizit Frauen. Um nicht immer dieselben Nachhaltigkeitspioniere zu erreichen, nutzt das Team außerdem unterschiedliche Kommunikationskanäle – digital und auch direkt, sofern es die Pandemie erlaubt. Auch Kontakte zu bestehenden Netzwerken werden genutzt, selbst wenn diese (noch) keinen direkten Energiebezug haben – denn den gilt es ja herzustellen.

Bildsprache spielt eine zentrale Rolle, weiß die Wissenschaftskommunikatorin Helena Trenks. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit nicht auf die Technik zu lenken, sondern stattdessen das gemeinschaftsstiftende Moment der Energiewende zu betonen. Cedrik Hurst hat diesen Anspruch in seinem Plakat zum Projekt umgesetzt (siehe Ausschnitt).

Berliner Radverkehr und Karlsruher Photovoltaik – was ist die gemeinsame Sache?

Um ein Netzwerk mit Leben zu füllen, braucht es nicht nur gute Ansprache, sondern auch ein „gemeinsames Dach“, wie Paula Bögel es nennt, unter dem sich alle wiederfinden. Aus ihrer sozialpsychologischen Sicht, lässt sich die Herausforderung abstrakt beschreiben, mit dem Common Ingroup Identity Model. Sehr allgemein formuliert, beschreibt das Modell das weitverbreitete Phänomen, dass Menschen befürworten, was ihre Freunde, Familie und Kolleg:innen gut finden, aber ablehnen, was „die anderen“ tun und denken. Da die Mehrheit der Bevölkerung nicht regelmäßig mit den Anführern (meist männlich) der Energiewende Kaffee trinkt, kann man nun annehmen, dass sie deren Vorstellungen und Ziele nicht unbedingt und unmittelbar teilt. Wie also können energiewirtschaftliche und -politische Ziele in den Alltag der Menschen übersetzt werden und mit gefühlt viel dringlicheren Alltagsproblemen in Einklang gebracht werden?

Lehren lassen sich auch aus Erfolgsgeschichten aus anderen Transformationsfeldern wie der Mobilitätswende ziehen. So ist es der Berliner ingroup der Radfahrer:innen in den letzten Jahren gelungen, eine breite Öffentlichkeit für ihr Anliegen einer radfreundlichen Stadt zu mobilisieren. Paula Bögel hat den Berliner „Volksentscheid Fahrrad“ analysiert und festgestellt, dass neben spektakulären Aktionen wie Mahnwachen insbesondere die mehrheitsfähige, ansprechende Rahmung rund um das Thema Sicherheit im Straßenverkehr erfolgsentscheidend war. „Das Nachhaltigkeitsargument und schnelles Radfahren holt nicht jeden ab,“ erklärt Paula Bögel. Eine Stadt, in der man sich sicher fortbewegen kann – zu Fuß oder mit Rad – ist dagegen viel mehrheitsfähiger und war geeignet, unterschiedlichste Gruppen unter einem Dach zu versammeln.

Verbinden, um zu transformieren

Im Falle des Projekts „Dein Balkonnetzwerk“ mussten die Forscher:innnen das gemeinsame Dach erst finden. Basierend auf ihren Vorrecherchen und Expert:inneninterviews legten sie den Fokus darauf, eine Gemeinschaft nachhaltigen Energieproduzent:innen in Karlsruhe zu gründen und zu fördern. Kleindimensionierte Photovoltaik-Anlagen für den Balkon scheinen dafür bestens geeignet und schon bei der Übergabe der Module zeigte sich, dass die Gruppe der 22 Testpersonen nicht nur heterogen ist, sondern auch offen für wechselseitigen Austausch. Ob der Gemeinschaftssinn und Wissenstransfer auch über die Technik hinaus reichen wird, etwa bald auch Fragen des nachhaltigen Gärtelns einschließen wird, wird in den Realexperimenten in der nächsten Zeit untersucht. Die Forscher:innen werden den Prozess aufmerksam begleiten und es wir ihnen nicht entgehen, wenn Tomaten besonders gut unter Solarpanelen gedeihen oder die Projektteilnehmer:innen ihren Alltag umkrempeln, um ihren Energieverbrauch an den Sonnenstunden auszurichten. Wir dürfen gespannt sein, welche erwartbaren und unerwarteten Erkenntnisse und Energieen sich aus dem BalkonNetz für eine sozial-ökologische Energiewende gewinnen lassen.

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